Nachdem SOUND7.DE letzte Woche ein Interview mit Singer/Songwriter Jens Böttcher über dessen Roman »Steiner« veröffentlichte, soll nun nochmal sein Album »Reisefieber« gewürdigt werden. Auf der persönlichen Jahresbestenliste unseres SOUND7.DE-Autors steht das 32-Song-Paket ganz weit vorne. Soll man einen Fan über das Objekt seiner Bewunderung schreiben lassen? Hat die SOUND7.DE-Redaktion womöglich einen Fehler begangen, als sie mich einlud, etwas über Jens Böttchers Album »Reisefieber« zu schreiben? Wahrscheinlich vertrauen sie darauf, dass der aufrechte »Parteigänger für gute Musik«, der in mir drinsteckt wie Gottes guter Geist, nie einem wirklichen Musikfreund begegnen möchte, der ihm sagt: »Ich habe aufgrund Deines falschen Zeugnisses eine schlechtes Album gekauft!« Deshalb bekenne ich zwar frank und frei, ein hochgradiger Verehrer Böttcher'schen Schaffens zu sein, werde mich aber bemühen, seine musikalische Leistung so objektiv darzustellen, dass jede Leserin/jeder Leser selbst zwischen Zustimmung und Ignoranz entscheiden kann. Der letzte Halbsatz war natürlich leicht ironisch gemeint, aber er verdeutlicht auch ein wenig, dass Jens Böttcher bisher mit allen seinen Veröffentlichungen recht stark polarisiert hat. Als er seinerzeit mit Kumpel Mark Rosenbrock (der letztens wieder in Böttchers Band mitmischte) in der christlichen Szene auftauchte, rieb sich mancher verwundert die Augen, weil da so musikalisch ungeschliffen, verbal unzensiert und ohne Rücksicht auf moderne Empfindlichkeiten die Frohe Botschaft gepredigt wurde. Was den einen musikalisch vergleichsweise primitiv und ungehobelt erschien, ließ andere aufhorchen, denn da entdeckte man eine Leidenschaft für ursprüngliche und besonders in der amerikanischen Volksseele tief verwurzelte Musikstile. Da war einer mit dem Herzen ganz nahe dran an Instiktmusikern wie Elvis Presley und existentialistischen Songwritern wie Hank Williams. Ich weiß noch, dass das erste Rosenbrock & Böttcher-Album (2002) für mich eine kleine Offenbarung war, denn erstmals hatte ich den Eindruck, dass auf einer deutschsprachigen christlichen Produktion Liebe und Leidenschaft gleichermaßen für die Musik wie für die Botschaft zum Ausdruck gebracht wurden. Das Evangelium war endlich einmal auch für »Rock'n Roller vor dem Herrn« musikalisch stimmig verpackt. Auf seinem ersten Soloalbum »Himmelherz« (2005) ist Jens Böttcher dann näher an die Zunft der rockorientierten deutschen Liederpoeten herangerückt. Hier nahmen leise und manchmal melancholische Töne viel Raum ein, doch strahlten diese Lieder Trostkraft aus und konnten in ihrer poetischen Sprache Herzen berühren.
»Himmelherz« erntete begeisterte Reaktionen, aber es gab auch Stimmen die fragten, was in aller Welt an dieser Produktion so besonders sein sollte. Meine persönliche Antwort: Vielleicht liegt es daran, dass die Lieder in der Regel nicht »gemacht« sondern »erlebt« wirken und dass es da, wo es rocken soll, dann auch gleich auf eine Art losgeht, dass es einem ein Lächeln und keinen Krampf aufs Gesicht zaubert. Knapp zwei Jahre vergingen, bis dann der Nachfolger für »Himmelherz« vorlag. Der Singer/Songwriter schöpfte kreativ aus dem Vollen und legte gleich ein Doppelalbum vor: im schmucken Digipack stecken zwei Silberlinge mit jeweils 16 (!) Songs. Auf CD 1 begleitet eine fulminant rockenden Band die Seelenreise des Songpoeten, während er sich im zweiten Teil meist allein mit seiner Gitarre präsentiert, allenfalls gibt es da einmal ein paar dezente Streicher- oder Akkordeonornamente. Mit vielen der Reisefieber-Songs zeigt Jens Böttcher eine weitere Reifung als Schreiber. Manchmal schmiegen sich die Melodien so eng an die Worte und werden so tief aus dem Herzen interpretiert, dass ich ihn schon mit den ganz Großen der Songwriter-Zunft vergleichen möchte, die es in ihren lebensrettenden Songs schaffen, den kollektiven Schwingungen des fühlenden Teils der Menschheitsseele Ausdruck zu verleihen. In einer als kalt verschrienen Welt muss man sich fast Sorgen machen, ob eine solche Offenherzigkeit verstanden wird oder ob sie zynische Zurückweisung erfährt. Die Gefahr, dass man ihn als gefühlsduselnden Befindlichkeitsschreiber in eine Ecke abschieben könnte, bannt Böttcher auf »Reisefieber« allerdings dadurch, dass er seine Botschaften in einige der derzeit am coolsten und prägnantesten rockenden Songs deutscher Sprache verpackt. Das Indie-Musikmagazin »notes« attestierte ihm, dass er Nummern schreibt, die man »ein rechtschaffenes Brett nennen kann« .Das Rock'n Roll-Feeling entsteht nicht aus der Aufschichtung lärmender Gitarrenwälle, sondern endlich einmal aus der Überwindung jener Schwerfälligkeit, die sich in der neuen Rockmusik breitgemacht hat, seit fast jede Amateurband mittels Studiotechnik beliebig »fett« klingen kann. Musikalisch sind Böttcher und sein kreatives Studioteam Karsten Deutschmann und Henry Sperling sicher keine Avantgardisten (welches Neuland könnten Gitarrenrocker heute noch betreten?). Aber sie haben viele gute Roots-Rock-Platten gehört und bei den richtigen Vorbildern gelernt. Mit dem ungewöhnlichen Lobpreis-Song »Nur in Dir« oder dem punkig treibenden »Immer weiter« haut Böttcher diesmal richtige Ohrwürmer raus. Das Segenslied »Auf bald« taugt zum Klassiker für Taufgottesdienste. »Nie näher« ist ein wagemutiges Glaubensbekenntnis ohne Katechismus-Prüfsiegel. Die leisere, folkige CD 2 hat ihre eigenen Höhepunkte: »Jesus ich bin da« strahlt eine wohltuende Leichtigkeit aus. »So tief« und »Am anderen Ende« sind, wunderschöne hingebungsvolle Balladen. »Nur die Liebe« gehört zwar nicht zu meinen musikalischen Favoriten, ist aber inhaltlich so etwas wie ein Leitsong für Böttchers Mission in der christlichen Welt. Eine Hommage an den großen Rockpoeten Rio Reiser ist die Coverversion von »Übers Meer«. Zugleich öffnet sie den Blick für einen, der Böttcher sicher als Schreiber und Sänger inspiriert hat. Ich könnte hier ziemlich jedes der 32 Stücke würdigen. Auch wenn sich einzelne Themen wiederholen oder Kenner früherer Böttcher-Werke mal ein Selbstzitat entdecken werden, klingt hier nichts nach aufgewärmter Routine und jeder dieser Songs scheint geeignet, herauszufordern oder irgendwo ein Menschenherz zu trösten und aufzubauen. Um im Blick auf Kritiker auf Nummer sicher zu gehen, hätte Jens Böttcher vielleicht versuchen können, die vermeintlich stärksten Songs für eine Einzel-CD herauszufiltern. Aber da ihm die Texte in einer bewegten bis stürmischen Lebensphase nur so aus der Feder geflossen sind, kann er wohl davon ausgehen, dass es da Menschen gibt, die sich in seinen Liedern wiederfinden, weil sie die gleichen Fragen, Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen haben. Deshalb gehören die Songs nicht ins Archiv sondern unter die Menschen. (Rainer Buck für Sound7)
Jens Böttcher - "Reisefieber" (2007)
Lieder aus dem Sturm des Lebens
Mit "Reisefieber" gelang Jens Böttcher - Musiker, Schriftsteller und Autor - eine außergewöhnliche Umsetzung eines Konzeptes, dem sich schon viele - internationale - Künstler versuchten heranzuwagen: Ein Rockalbum und ein eher stilles Album - auf zwei CDs. Meist aber sind diese Alben der bekannten Künstler nur: Die rockigen Songs der einen CD werden auf der anderen CD als sanfte, akustische Songs dargeboten.
Hier ist es aber ganz anders: Jens Böttcher hat solch eine kreative Kraft, dass er seiner aus dem Herzen kommenden Musik nicht nur zwei CD-Räume (also die West- (Band) und die Südseite (Akustik) mit je 16 wunderbaren Songs) verschafft, sondern dazu noch beweist, was er musikalisch zu bieten hat.
Von gelungenen Rockballaden bis hin zu saftigen Rockhymnen bietet die Westseite des Reisefieber-Albums eine starke Bandbreite für alle Musikliebhaber in Sachen handgemachter Rock! Songs wie "Pilger" können leicht mit bekannten internationalen Musikern mithalten - meine persönliche Meinung! Und das Solo hat es in sich!
Und hier der Unterschied zu den anderen oben erwähnten Alben anderer Künstler:
Die Südseite besitzt ihre eigenen wunderbaren Akustiksongs, die mit sanften, aber ergreifenden Melodien, außergewöhnlichen Pickings und tiefsinnigen Texten versehen sind.
Alleine schon der Beginn der Südseite mit "Am Abend" zeigt die Tiefe des Künstlers und seine authentische Art, sein Sinnieren auf den Zuhörer zu übertragen (aber auch die Westseite trägt eine Tiefe in sich, wie in "Stell dir vor").
Ja, Jens Böttcher ist ein christlicher Musiker, dem man zunächst nicht ansieht, dass er ein solcher ist - doch aus seinen Texten erfährt der Zuhörer seine klaren, tiefsinnigen, nachdenklichen Botschaften. Doch genau das macht ihn zu einem authentischen, hervorragenden christlichen Künstler, dass er so ist, wie er ist.
Somit kann ich Jens Böttcher' s Figur "Reverend Eminent" nur zitieren: "he is real"!
Und nun etwas ganz persönliches von mir: Ich kann nicht aufhören, das Album zu hören! Seit Mai 2007 begleitet es mich überall hin! Unglaublich, aber wahr!
Somit ein ' sehr, sehr empfehlenswert' von mir!
Ich bin gespannt, was wir zukünftig von diesem herausragenden Künstler noch hören und lesen werden! Meine Freude dahingehend ist groß!
eine Amazon-Rezension